"Wir überschreiten eben den Grat zwischen zwei Zeitaltern. [...] Wir

verstehen bei uns selbst, daß wir an dieser Möglichkeit auch versagen können. Aber wir haben uns an diese Möglichkeit, dies Vielleicht gewagt, mit Haut und Haar, haben uns den Weg zurück verriegelt." - Emanuel Hirsch

Die Frage, wie eine hochgebildete und zugleich tieffromme Person wie Emanuel Hirsch sich mit dem Nationalsozialismus einlassen und ihm sogar aktiv vordenken konnte, bewegte nicht bloß seine Zeitgenossen. Sie ergreift auch heute alle, die sich mit Person und Werk des Göttinger Theologen befassen, und sie wirft zugleich die Anschlussfrage auf, ob sich eine solche Beschäftigung – es sei denn zum Zwecke der kritischen Aufarbeitung und Abgrenzung – nicht von selbst verbietet.



1. Was ist der Sachstand?


Sobald Emanuel Hirsch als Schriftsteller an die Öffentlichkeit trat, präsentierte er sich als tief überzeugt von der Überlegenheit des ‚deutschen Geistes‘. Zugleich deutete er das Ende des Ersten Weltkrieges als ‚Schmach‘ und als Einschränkung der Lebensmöglichkeiten des ‚deutschen Volkes‘. Bereits 1920 plädierte er daher für einen „nationalen Sozialismus“ als Wiederbelebungsprogramm. Politischen Niederschlag fand diese Haltung in seiner Ablehnung der Weimarer Republik und seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Nationalen Volkspartei.


Dem Nationalsozialismus stand er zunächst zögerlich gegenüber, verschrieb ihm sich ab 1933 aber nur umso entschiedener. Hirsch wurde Mitglied der NSDAP, des nationalsozialistischen Lehrerbundes, und er war auch Fördermitglied der SS. Von 1933 bis 1939 wirkte er als Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen im Sinne der Regierung. Er beteiligte sich dabei persönlich an Bespitzelungen, Unregelmäßigkeiten bei Berufungen und Amtsenthebungen sowie bei der Repression unwillkommener studentischer Aktivitäten.


Nach dem Zweiten Weltkrieg beantragte Hirsch die Entlassung aus krankheitsbedingten Gründen, vor allem vermutlich, um dem Entnazifizierungsverfahren zu entgehen. Er wurde nicht emeritiert; spätere Vorstöße zu einer Rehabilitierung scheiterten sowohl an rechtlichen Problemen wie auch an der unnachgiebigen Haltung Hirschs. Dieser hat, soweit man weiß, seine Meinungen zum ‚Dritten Reich‘ und seiner eigenen Rolle darin im Wesentlichen niemals revidiert. Genaueren Aufschluss zu diesem Fragekreis wird vermutlich erst der persönliche Nachlass ergeben, welcher derzeit aber nicht zugänglich ist.



2. Wie ist die Parteinahme Hirschs für den Nationalsozialismus erklären?


Hirsch gehörte zunächst einmal zu jenem Teilbereich des konservativ-lutherischen Milieus, das ‚westlichen Ideen‘ von Demokratie und Menschenrechten grundsätzlich ablehnend gegenüberstand. Im ‚Jungluthertum‘ der Weimarer Republik zeigen sich darüber hinaus gewisse Wahlverwandtschaften zur so genannten ‚Konservativen Revolution‘. Mit antijüdischen Stereotypen zu hantieren war in einigen dieser Kreise nicht unüblich.


Verstärkt greift Hirsch während der Weimarer Zeit auf den Topos der ‚Entleerung‘ zurück: Der moderne Individualismus führt nach Hirsch mit seiner angeblichen Kappung der (natürlichen) Bindungen geradewegs zum Verlust aller Ideale und folglich zum schrankenlosen Individualismus und Relativismus, dessen Kosten das Individuum aber gerade nicht mehr aus sich selbst heraus bestreiten kann. Folglich wird es nach Hirsch in Demokratien ‚westlichen‘ Typs zu einem bloßen Rädchen in der technischen Massengesellschaft, zu einer Funktionsstelle des internationalen Kapitalismus.

Den Nationalsozialismus interpretierte Hirsch dann als Bewegung, welche die technische Moderne und die Bindung an seiner Meinung nach Lebenssinn verleihende „Lebensmächte“ (Ehe, Volk, Rasse und Staat) zu einer paradoxen Einheit zu bringen imstande wäre. Die Teilhabe an der ‚Nation‘ sollte dem Individuum dann auch jene ideale Stelle verschaffen, welche sich nach Hirsch als optimale Anschluss-Stelle zum christlichen Glauben erweisen könnte. Mit dieser Position isolierte sich Hirsch sowohl innerhalb des Nationalsozialismus, der zunehmend als anti-christlich auftrat, als auch innerhalb der Evangelischen Kirche, welche mehrheitlich eine Gleichschaltung nicht befürwortete.


Zunehmend radikalisierte sich während des ‚Dritten Reiches‘ die Auffassung Hirschs, dass das Überleben des ‚deutschen Volkes‘ in seiner Eigenart mit dem Erfolg des Nazi-Regimes stand und fiel. Daraus zog er den Schluss, dass jede noch so verbrecherische Maßnahme um des Gesamtzieles willen zu „tragen“ sei. Zusammen mit seiner immer größeren Öffnung für ein Denken in Rasse-Kategorien bezog sich jener Blanko-Scheck, welchen Hirsch der nationalsozialistischen Führung ausstellte, dann schließlich auch auf die durch Rassismus und Krieg hervorgerufenen Massenverbrechen.



3. Tangiert der Sachstand auch das theologische Werk Emanuel Hirschs?


Diese Frage muss uneingeschränkt bejaht werden. Eine Trennung zwischen dem vermeintlich ‚unbelasteten‘ theologischen Werk im engeren Sinne und der persönlichen Option für den Nationalsozialismus ist nirgends möglich. Sie würde außerdem dem Selbstverständnis Hirschs geradezu widersprechen.

Die Frage ist also eigentlich, ob neben einer kritischen Auseinandersetzung auch eine Beschäftigung mit dem Werk Hirschs in konstruktiver Absicht möglich ist. Auch diese Frage muss bejaht werden. Hirschs Leistungen in der Erforschung etwa der Reformation, des Deutschen Idealismus, des Werks von Sören Kierkegaard und ganz allgemein der neueren Theologie- und Philosophiegeschichte sind so bedeutend, dass sie von der heutigen Forschung nur zu ihrem eigenen Schaden übersehen werden könnten. Hierüber besteht in der Theologie eigentlich kaum ein Dissens. Namentlich seine „Geschichte der neuern evangelischen Theologie“ ist ein bis heute nicht überbotenes Standardwerk. Die Einsicht des ersten Absatzes gilt freilich auch hier, wenn man etwa an die abfälligen Darstellungen Spinozas oder Moses Mendelssohns denkt.


In systematischer Hinsicht hat die neuere Forschung gezeigt, dass Hirschs Denken stets an klassischen Theoriealternativen orientiert ist. Die christliche Theologiegeschichte ist im Hintergrund von seinen systematischen Hauptwerken stets präsent. Das macht eine sachorientierte Abwägung seiner theologischen Einsichten und Positionen möglich. Nicht unkritisches Nachsprechen, sondern kritische Rekonstruktion und Historisierung sind die angemessenen Vorgehensweisen. Schließlich ist aufgrund der schier unfasslichen Belesenheit des Autors und seiner Gabe hoher Präzision in der Darstellung die Beschäftigung mit seinem Werk auch da noch lehrreich, wo er – aus damaliger wie aus heutiger Sicht – irrt.


Eine „Hirsch-Renaissance“ im engeren Sinne ist weder möglich noch wünschenswert. Das ist auch angesichts dessen zu betonen, dass es erste Anzeichen für eine Hirsch-Rezeption in der so genannten ‚Neuen Rechten‘ (Karlheinz Weißmann) gibt. Der wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Werks darf dieser Umstand freilich nicht im Wege stehen.


                                                                                                                                                                 Prof. Dr. theol. Andreas Kubik




Emanuel Hirsch und der Nationalsozialismus

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