Am Geburtstag denkt man auch "an seine Lebensarbeit und fragt sich, ob man auch das aus sich herausgeholt habe, was angesichts der Anlagen und der vom deutschen Volke gewährten Professur möglich und anständig war. Die ungeborenen Kinder stoßen einen. Wo ist der Paulus hin, wo der Luther, wo die große umfassende Neudarstellung des Christentums, die man einst geträumt hatte zu schreiben?" - Emanuel Hirsch

Der Nachlass Emanuel Hirschs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Emanuel Hirsch am 17. Juli 1972 in Göttingen verstarb, hinterließ er seine über Jahrzehnte des theologischen und schriftstellerischen Schaffens angesammelten Aufzeichnungen, Manuskripte und Andenken seinen Kindern: Ulrike Hirsch († 2002), einer im Schuldienst stehenden promovierten Altphilologin, und Hans Hirsch, der seit 1967 als Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen lehrte. Gemäß einer Verfügung des Verstorbenen wurde dieser Nachlass zum Bedauern der Forschung nicht öffentlich zugänglich gemacht, was zu diversen Spekulationen und Legendenbildungen hinsichtlich seines Umfangs und vor allem Inhalts führte. Bei der Frage nach dem Grund der Verschlusshaltung lag die Annahme nahe, dass Emanuel Hirsch eine weitere Kompromittierung seines Werks durch politisch belastendes, im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus stehendes Material aus dem Nachlass verhindern wollte; eine Auskunft dazu liegt aber nicht vor.

 

Hans Hirsch hat zeitlebens die wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit dem veröffentlichten Werk seines Vaters gefördert, den von ihm seit dem Tod der Schwester aufbewahrten Nachlass jedoch weitgehend unangetastet gelassen. Nach dem Tod Hans Hirschs im September 2017 erteilte die hinterbliebene Familie der Stiftung „Emanuel Hirsch: Werkausgabe – Archiv – Forschungsförderung“, der Hans Hirsch als 2. Vorsitzender verbunden war, erstmals die Erlaubnis, das im Wohnhaus im Aachener Stadtteil Walheim lagernde Nachlassmaterial näher zu begutachten.

 

Diese erste systematische Erfassung des Hirsch-Nachlasses und die Aufstellung eines vorläufigen Bestandsverzeichnisses erfolgte durch Prof. Dr. Andreas Kubik-Boltres (Osnabrück), Prof. Dr. Arnulf von Scheliha (Münster) und dessen Mitarbeiter Justus Bernhard während eines zweitägigen Arbeitsaufenthalts am 23. und 24. Mai 2018. Für ihre freundliche Mithilfe vor Ort ist im Besonderen Frau Friderike Hirsch-Wright zu danken.

 

Der nur sporadisch vorgeordnete Nachlass befand sich hauptsächlich im stellenweise nur schwer zugänglichen Keller des Hauses. Er war überwiegend in Umzugs- und Verpackungskartons untergebracht und mit akademischen Aufzeichnungen anderer Familienmitglieder, in erster Linie der Kinder Ulrike und Hans, vermengt. Am ersten Arbeitstag wurden rund 70 Kisten und Kartons bewegt und geöffnet. Zudem wurden ca. 50 Regalmeter mit Büchern, Heften und Ordnern durchgesehen, die vermutlich einen Großteil der originären Privatbibliothek Emanuel Hirschs ausgemacht haben dürften. Das für die Emanuel-Hirsch-Forschung interessant erscheinende Material wurde geborgen und in das ehemalige Arbeitszimmer von Hans Hirsch im Erdgeschoss des Hauses verbracht. Am zweiten Arbeitstag erfolgte dort die nähere Sichtung und Ordnung des Gefundenen, was aufgrund des erheblichen Umfangs und der schweren Lesbarkeit zahlreicher, teilweise in physischer Auflösung befindlicher Dokumente nur provisorisch ausfallen konnte.

 

Der gesamte Nachlass macht einen Umfang von rund 15 Umzugskartons aus und beinhaltet neben Varia, die erst noch einer genaueren Begutachtung zugeführt werden müssen, Folgendes:

 

  • Vorarbeiten zu publizierten Texten Emanuel Hirschs,
  • Manuskripte zu Vorlesungen Emanuel Hirschs (darunter der vollständig ausgearbeitete Vorlesungszyklus zur Kirchengeschichte aus den 1920er Jahren),
  • Notizen und Vorlesungsmitschriften aus der Studienzeit Emanuel Hirschs (darunter z.T. stenografierte Mitschriften von Vorlesungen Karl Holls und Alois Riehls),
  • teils bislang unbekannte autobiographische Entwürfe (u.a. ein ca. 100-seitiges, offensichtlich zur Veröffentlichung vorbereitetes Heft „Über mich selbst“) und eine Darstellung der Familiengeschichte,
  • eine sehr große Menge Briefe, Postkarten, Glückwunsch- und Kondolenzschreiben sowie berufliche Korrespondenz aus verschiedenen Jahrgängen, adressiert an Emanuel Hirsch und z.T. seine Frau Rose
  • einige unveröffentlichte dramatische und poetische Texte Emanuel Hirschs,
  • Verlagsunterlagen und Verträge,zahlreiche (Familien-)Fotografien sowie einige Portraitskizzen Emanuel Hirschs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Insbesondere das Briefkorpus konnte bislang kaum eingesehen werden; abgesehen davon scheint der Nachlass in politischer Hinsicht über das Veröffentlichte und die im Literaturarchiv Marbach lagernden Briefe hinaus wenig Neues zu enthalten.

 

Der letzten Verfügung von Hans Hirsch entsprechend und per rechtlicher Vereinbarung mit den Erben und ihrem Vertreter sind die Rechte an der Verwertung und insbesondere der Veröffentlichung des wissenschaftlichen Nachlasses von Emanuel Hirsch am 24. Mai 2018 auf die Stiftung übergegangen. Das aus dem Hausstand herausgelöste Material befindet sich seither im Eigentum der Stiftung und wurde im Einvernehmen mit der Familie Hirsch am 17. Dezember 2018 dem Landeskirchlichen Archiv der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover als Depositum übergeben. Hier lagert bereits der die Hirsch-Forschung betreffende Teil des Nachlasses von Walter Buff († 1995), eines engen Vertrauten und Gehilfen Emanuel Hirschs.

 

Im Anschluss an die archivalische Ordnung und Erschließung, ggf. auch Restaurierung, durch das Landeskirchliche Archiv soll der Nachlass – über 50 Jahre nach dem Ableben des ursprünglichen Besitzers – für wissenschaftliche Zwecke unbeschränkt zugänglich gemacht werden.

 

Da die Verwertungsrechte an den im Nachlass befindlichen Schriften Emanuel Hirschs bei der Stiftung verbleiben, ist mit dieser vor jedweder Publikation Einvernehmen über wörtliche Zitate aus den Schriften herzustellen

(Kontakt: Prof. Dr. Arnulf von Scheliha, scheliha@uni-muenster.de)


Januar 2019,  Justus Bernhard

(Fotos: Prof. Dr. Andreas Kubik-Boltres)


Etc.

 

 

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